„Mein Nachbar und das Internet“. So lautet das Thema von HoSi’s Blog Karneval. Unter meinen Nachbarn und Freunden sind mehr Nonliner als Onliner. Und sie wollen von mir nicht gefragt werden zu diesem „Computerding“. Bis auf wenige Ausnahmen würden sie vermutlich antworten: „Keine Zeit, Online-Exhibitionismus, Spielerei, reale Kontakte wichtiger, bin zu alt“. So hat es Martin Weigert in seinem Artikel „Fünf Aussagen über das Web, die niemand mehr hören will“ formuliert. Und auch ich kann’s nicht mehr hören.
Deshalb tue ich jetzt einfach so als
- seien meine Nachbarn in Grönland beheimatet
- gehörten sie zu den Promis, die vom Deutschlandfunk/dradio für das monatlich erscheinende Programmheft befragt werden
- wären sie wie die PolitikerInnen, die in dem berühmt-berüchtigten Horror-Video zum Thema Internet antworten
- gehörten sie zu den Nicht-WÜFs.
Grönland
Kürzlich hat 3sat ein Neues spezial gezeigt über „Surfen im Eis – Grönlands digitaler Aufbruch“.
In Grönland kokettiert man nicht mit dem Nonlinertum. In diesem IT-Entwicklungsland mit knapp 60.000 Einwohnern weiß man inzwischen um die Vorteile der Vernetzung. Via Internet sind die Grönländer mit der Welt verbunden. Sie profitieren auf vielen Gebieten davon: Telemedizin, radiologische Untersuchungen, Teleprüfungen in der Schule , Austausch mit Schafzuchtexperten und vieles mehr. Zur Zeit ist DSL teuer aufgrund der nicht ausreichenden Verfügbarkeit. Ein Seekabel soll das Problem lösen.
DLF/dradio: Welche Medien nutzen Sie sonst noch?
Wenn ich ein neues Programmheft vom DLF/Dradio aus dem Briefkasten fische, fange ich von hinten an zu lesen. Denn mich interessiert das Interview mit einer bekannten Person auf der hinteren Umschlagseite, und dort wiederum die immer gleich lautende letzte Frage: „Welche Medien nutzen Sie sonst noch?“ Einige Hefte konnte ich in meinem Papierstapel noch auftreiben. Zuerst ein gutes Beispiel.
Edo Zanki Sänger, Musiker und Produzent , geb. 1952, antwortet im Juli 2009:
„Neben den altmodischen „Medien“ Begegnung und Gespräch lese ich Bücher, Spiegel, Süddeutsche und ZEIT, gedruckt und im Web. Ich blogge und kommuniziere über meine Webseiten. Ich sehe fern, gehe gelegentlich ins Kino und in Konzerte, beim Zahnarzt lese ich heimlich Gala.“
Dann folgt das Juni-Interview, das mich nachdenklich macht. Ist es immer noch so smart und sophisticated zu sagen, dass man keinen Fernseher hat?
Viola Roggenkamp, geb. 1948, Schriftstellerin und Publizistin, antwortet: „Bücher und Zeitungen. Das Fernsehen habe ich vor über 20 Jahren abgeschafft. Ich gehe lieber ins Kino. Informiert über die Welt bin ich durch die Wortbeiträge im Radio schneller und aktueller. Das Fernsehen zeigt immer nur dieselben Bilder.“
Zufällig hatte ich auch die Monate Februar und März 2009 noch nicht entsorgt. Die März-Antwort von
Carolin Widmann, Violinistin, geb. 1976, klingt für mich ein wenig nach einer Entschuldigung : „Verschiedene Zeitungen. Einen „richtigen“ Computer habe ich nur daheim in London, dafür dort aber keinen Fernseher.“ Und das letzte Beispiel vom Februar, kurz, knapp und realistisch:
Kevin Tarte, Musicaldarsteller, wuchs in Seattle auf, kein Geburtsdatum angegeben „Internet, TV, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher“. Browser? was sind denn jetzt noch mal browser?
Die Kinderreporter im ARD Morgenmagazin interviewen Top-PolitikerInnen, Thema „Was ist ein Browser“. Schade, dass nur überwiegend Onliner das Youtube-Video sehen können.
Zu hoffen ist, dass die Interview-Partner inzwischen sehr wohl wissen, was man mit dem Internet tut, zumal eine der Interviewten kürzlich zur Internetpolitikerin des Jahres gekürt wurde. Die Kinderreporter - sprich die digital natives – sind den Befragten haushoch überlegen und trotzdem umwerfend höflich. Das muss man einfach gesehen haben, die Körpersprache, Herablassung, Unsicherheit, Anbiederung, Onkelhaftigkeit, ich könnte das noch fortsetzen. Sehr deutlich fallen die Kommentare bei Youtube aus. Da ist die Rede von Generation Offline, Gerontokratie, Null Medienkompetenz, Herr wirf Hirn herab.
WÜFs und Nicht-WÜFs
Da ich mich in einem Umfeld von WÜFs bewege – das sind laut Jürgen von der Lippe die „Weit-Über-Fünfzigs“ – kenne ich seit Jahren die Diskussion zur digitalen Spaltung und besonders deren Folgen für ältere Nonliner. Wer für Zahlen schwärmt, kann sie im neuesten (N)ONLINER Atlas finden. Aber ich mache mir auch Gedanken zur Generation der Weit-Unter-Fünfzigs. Ich habe den Eindruck, dass sie neben dem Beruf nur wenig Zeit online verbringen können und sich oft auf die notwendigsten Anwendungen beschränken müssen. Oder glauben Sie, daß Ihr Apotheker, Ihr Friseur oder Ihr Pfarrer auf dem Laufenden sind, was Computer und Internet betrifft? Als Fortschritt könnte man werten: nach den Für-und-wider-Rangeleien geht es heute doch eher um das „Wie“ als um das „Ob“. Wie gefallen Ihnen diese meine Fast-Nachbarn in Grönland, im Bundestag und in der Apotheke? Gut, dass auch positive Beispiele für die Nutzung von Computer und Internet dabei sind. Vielleicht dauert es nicht mehr sehr lang, bis wir „Lernen“ sagen und damit auch „e-learning“ meinen, und dass Internetten zur selbstverständlichen Kulturtechnik wird.